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3. Offener-Treff-Newsletter

Töpfchen von Anfang an — Ein Erfahrungsbericht

Folgender Text ist ein rein subjektiver Erfahrungsbericht, der zum Nachdenken, persönlichen Abgrenzen und zur Inspiration dienen darf — oder auch nicht.

Die Wahrnehmung jedes Einzelnen ist geprägt durch die eigene Kindheit, Jugendzeit, Erfahrungen, kulturelle Hintergründe, vermittelte, integrierte und selbstgeschaffene Welt- und Selbstbilder. Umso interessanter ist es, in die Erfahrungswelt anderer einzutauchen, die Unterschiede respektvoll wahrzunehmen und für sich selbst zu prüfen, inwieweit ich persönlich damit etwas anfangen kann.

Weshalb so ein spezielles Thema als Einstieg in die „Newsletter-Reihe“?

Interessanterweise führt dieses Thema zu allen von uns vorgeschlagenen Themen: Kommunikation, Autonomie und Selbstwirksamkeit, Anforderungen und Überforderungen, Natur als Entwicklungsraum.

Kurz zu mir, der Berichtenden: Ich werde dieses Jahr 30 und bin bald Mutter dreier Kinder. Sohn, 5 Jahre; Tochter, 3 Jahre; Bauchbewohner, 0 Jahre. Momentan Praktikantin in der Schwangerschaftsberatung, Diakonisches Werk Hochrhein und Noch-Studentin der Sozialen Arbeit, außerdem „Personzentrierte Beraterin“ nach Carl Rogers und den Richtlinien der Gesellschaft für Personzentrierte Psychotherapie und Beratung (GwG)“.

Zurück zum Thema: Was aber ist denn eigentlich mit „Töpfchen von Anfang an“ gemeint? Weit verbreitet ist auch der Begriff „Windelfrei“, der meiner Meinung nach etwas irreführend ist. Gemeint ist mit diesem Ansatz, dem Kind die Möglichkeit zu geben beim Pinkeln oder großen Geschäft „abgehalten“ zu werden — und das nicht in die Windel. Die Häufigkeit, ob nach dem Bedürfnis des Kindes oder nach routinierten Zeiten im Tagesablauf, ist völlig variabel.

Wir haben unsere Tochter ab dem 5. Lebenstag nach ihren Bedürfnissen abgehalten und auf ihre Signale geachtet. Sie war untenrum viel nackig oder hatte Stoffwindeln an. Doch wie merke ich denn, dass mein Kind muss? Da kommt der Punkt der Kommunikation….

Das ist je nach Kind und Lebensalter unterschiedlich. Tatsächlich war es mit einem Neugeborenen für mich am deutlichsten erkennbar. Sobald unsere Tochter unruhig wurde, hatte sie entweder Durst, musste aufstoßen oder aufs Töpfchen. War alles erledigt, ist sie wieder ganz entspannt von allein eingeschlafen. Wir hatten viel weniger 3‑Monatsunruhen als bei unserem Erstgeborenen. Sie waren spürbar, aber nicht in dem Ausmaß, wie sie in unserer Gesellschaft als normal eingestuft werden.

Beim Erkennen der Signale, die ca. bis zum 3. Monat erkennbar sind, hat uns eine Beschreibung von Priscilla Dunstan sehr geholfen:

Hunger = Neh (von Sauginstinkt mit der Zunge)

Müdigkeit = Owh (Vergleich Gähnbewegung)

Aufstossen = Eh (Druck auf dem Bauch nach oben, ähnlich dem Aufstossen, nur dass es nicht „herauskommt“)

Blähungen = Eairh (Druck auf dem Bauch nach unten, ähnlich dem Drücken bei einer großen Sitzung, nur dass es nicht „herauskommt“)

Unwohlsein = Heh, ähnlich wie das Erwachsene „hey, achte auf mich“, Lage ungemütlich, Windel voll?

 

Ich finde sehr schön verdeutlicht wurden die Babygeräusche und Erklärungen in der Oprah Winfrey Show. Das Video ist in Englisch, die Babygeräusche sind universal. Hier könnt Ihr Euch das gerne mal anschauen:

https://www.youtube.com/watch?v=afMNp6Q4u7s&list=PLJ4exbZf5QF6o4v9b3knEgnJXuVeYaFrY

 

Wenn Kinder aufwachen, müssen sie meistens erst einmal pinkeln. So war es das erste, was ich nach dem Schläfchen angeboten habe, wenn sie sich bemerkbar machte. Das unglaublich Spannende war, dass sie im Alter von ca. zwei Wochen vornehmlich mit schimpfen anfing, wenn ich ihre Signale nicht richtig wahrgenommen habe. Ich habe das Wort Pipi als Signallaut genutzt und oft auch das Töpfchen fragend hingehalten. Beim großen Geschäft habe ich meinen Bauch kurz angespannt, den sie an mich gelehnt spüren konnte. Diese Signale und Kommunikationscodes werden genutzt, sodass das Baby von Beginn an Assoziationen dazu hat und auch selbst kommunizieren kann. Es gibt unglaublich viele Ideen zu „Signalsprache“ mit dem Baby. Einige verknüpfen es auch mit einer Zeichensprache.

Mir war das anfangs alles zu viel Brimborium. Außerdem wollte ich in der Öffentlichkeit nicht sonderlich viel Aufmerksamkeit auf mich ziehen. Es war mir eher unangenehm und es hat deutlich besser geklappt, wenn ich ohne „Zuschauer“ und „Beweisdruck“ unseren Weg im achtsamen Umgang und in der Kommunikation finden konnte.

Wir hatten trotzdem viele „Unfälle“ und Wäscheberge ohne Ende. Das lag daran, dass ich sie wirklich viel nackig strampeln ließ und kleine Babys echt auch viel Geschäft machen. Hätte ich im Wochenbett selbst die Wäsche machen müssen und nicht mein Mann, hätte ich im Nachhinein ehrlicher weise mehr darauf geachtet, mehr Unterlagen benutzt und auch mehr die Stoffwindeln angezogen. In der Elternzeit der ersten drei Monate pendelte sich bei uns eine Routine ein. Gleichzeitig änderte sich die Körpersprache unseres Kindes ständig. Unsere Tochter war, vielleicht auch durch das windelfrei, unglaublich körperlich fit und hat sich schon mit zweieinhalb Monaten gedreht. Diese Entwicklungsschübe erschwerten für mich als Mama alles abzulesen und entsprechend zu reagieren. Ich habe mir Vorwürfe gemacht, wenn ich es eigentlich „wusste“ und dann doch etwas in die Windel oder auf den Untergrund ging. Ich hatte ziemliche hohe Anforderungen an mich, ohne es zu merken und setzte mich ziemlich unter Stress. Sich regelmäßig davon zu befreien, war allerdings auch ein unglaubliches Achtsamkeits- und Persönlichkeitstraining, nicht unser Kind und mich mit zu hohen Erwartungen zu überfordern. Eine freundliche innere Kommunikation war gar nicht so leicht und wollte immer wieder geübt werden!

Außerdem bin ich in die Falle getappt, nur bedürfnisorientierte Mama zu sein und die volle Verantwortung dafür zu tragen. Schließlich bin ich empathisch, sozial, intuitiv und was es noch für unbewusste Selbstbilder gibt. In unserer Gesellschaft sind wir es gewohnt immer leisten zu müssen und zwar anhand von Parametern im Außen. Wenn wir das Kind als Grundparameter nehmen und uns als Leistungserbringer sehen, kann es sein, dass wir – vor allem im Angesicht, der medial auf uns einprasselnden vielfältigsten Mutter- und Erziehungsbilder- regemäßig orientierungslos werden.

Sich von den äußeren und inneren Ansprüchen immer wieder zu befreien, ist wichtig, um im Kontakt mit unseren Kindern frei agieren können.

Wenn wir als Bezugspersonen die Signale und Ausscheidungsbedürfnisse des Babys achten, erlebt das Kind eine Selbstwirksamkeit von Anfang an. Es fühlt sich verstanden- bei allen Bedürfnissen. Also nicht nur die Bedürfnisse Hunger, Bauchdruck, Müdigkeit und zur Verwunderung des Babys keine ersichtliche Reaktion auf das Ausscheidungsbedürfnis. Es erkennt, dass wir mit ihm kommunizieren (natürlich nicht nur bei windelfrei, sondern grundsätzlich) und auf die Sprache des Kindes reagieren.- Bei Angeboten fürs Abhalten vollumfänglicher. Kinder bringen von Anfang ein Autonomie- und sozial integriertes Bedürfnis mit. Wenn das soziale Umfeld z.B. auf das Ausscheidungsbedürfnis reagiert und ihm ein Töpfchen anbietet, erlebt das Baby einen Übereinspruch von sozialer Integration und Autonomie. Im Rahmen dieses Alters eine mögliche Unabhängigkeitserfahrung, nicht solange in den eigenen Ausscheidungen liegen/krabbeln/laufen zu müssen, bis es Jemand anderes wickelt.

Für mich persönlich hat das „abhalten von Anfang an“ viel abverlangt. Bzw. ich habe von mir persönlich viel abverlangt und mir wurde vor allem bewusst, wie unnatürlich wir unsere Lebensräume mittlerweile gestalten. Während aus der Evolutionssicht die Kinder direkt in der Natur waren und die Ausscheidung natürlich versickert ist, bedeutet es für uns eine große Herausforderung reinlich zu leben. Noch von den Kelten wird berichtet, wie wenig bekleidet sie den Römern auch im Winter begegnet sind. Mit regelmäßigem Abhalten gewöhnte ich mir für das Baby die viele Kleidung automatisch ab. So herausfordernd, durch eigene Gewohnheiten und äußere Lebenswelten, windelfrei in unserer Kultur ist, ich werde auch bei unserem nächsten Kind das „Abhalten“ von Anfang praktizieren.

Tipps für das eigene Ausprobieren:

  • Angebote schaffen, direkt nach dem Mittagsschlaf auf die Toilette zu gehen. Leicht realisierbar und schafft, bei „positivem Ergebnis“ schnell Freude auf beiden Seiten.
  • Nicht das Ziel vor Augen „trocken zu werden“, sondern die Freude, die Autonomie und Selbstwirksamkeit des Kindes zu spüren und zu fördern.

Außerdem Achtsamkeit mit sich und seiner Umwelt zu üben.

  • Mit sich selbst entspannt umgehen, keine eigene Überforderung!
  • Mit dem Kind entspannt umgehen. Unfälle passieren. Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen.
  • Kinder, die gewohnt sind Windeln zu tragen, sind es auch gewohnt zu pinkeln, wenn sie etwas

Für die Kinder ist es deshalb anfangs leichter untenrum nackig sein zu dürfen. So merken sie leichter, dass in diesem Moment Pipi kommt. Irgendwann können sie auch spüren, dass gleich Pipi kommt.

Unfälle sind nicht schlimm. Das Kind braucht etwas Zeit den eigenen Ausscheidungsprozess selbst zu spüren und zu erkennen.

  • Wenn das Pipi- machen- mit- nackig zu Hause gut funktioniert, ist es für Windelkinder leichter ohne Unterhose, und nur mit Hose bekleidet, weiter zu üben. Denn die Unterhose erinnert sie an die Windel und löst alte Gewohnheiten aus

 

  • Unterwegs können Babys überall pinkeln, wo Hunde es auch dürfen
  • Mit einem kleinen Töpfchen kann man es unbemerkt auch im Auto abhalten und das Pipi danach im Grünen oder Gullideckel verschwinden lassen
  • Für Jungs ist im Lernprozess eine „Pipi-Flasche“ super hilfreich. So kann schnell und überall reagiert werden. Außerdem lässt sich die Flasche zur Not auch verschließen und kann später geleert werden
  • Es gibt unzählige windelfrei Kleidung und Dinge zu kaufen… Weniger ist mehr! (vor allem beim Testen, ob es überhaupt etwas für mich ist)

Uns haben Hose, Stoffwindeln/Unterhose, Body/Unterhemd, T‑Shirt, Pullover und Töpfchen gereicht

  • Zu viele Anfragen ob das Kind Pipi muss, kann für das Kind auch Stress sein.
  • Entspannen, ausprobieren, vertrauen

 

Wir hoffen Euch hat dieser Erfahrungsbericht neue Eindrücke vermittelt, bei Interesse zu mehr Infos, gerne einfach melden.

 

Das Offene-Treff- Team vom FaZ in Lauchringen

Marion,  Jenny, Steffy und Verena

 

Zum Schluss haben wir noch eine Übung für eure Ohren:

Übung für Elefantenohren

Viel Spaß damit

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